Messer waren für ihn früh ein rotes Tuch. Schon als Bub im Grundschulalter. Es gab bei ihm daheim gepunktete und einfarbige, erzählt er. Ertragen habe er Messer am Esstisch aber nur, wenn entweder alle gepunktet waren oder alle einfarbig. Gemischt gedeckt, ging für ihn nicht. Er musste den Tisch verlassen. Rasch. Er raste dann immer aufs Klo. Oft dreimal während einer Mahlzeit. Zu gefährlich waren die Gedanken, die in seinem Kopf zu kreisen begannen, zu groß die Panik, die in ihm anwuchs: Einer aus seiner Familie, seine kleine Schwester, sein jüngerer Bruder, seine Mutter, der Vater, einer könnte eines der Messer nehmen und ihn damit töten.
Ein nicht ausgetrunkenes Glas, ein falsch stehender Stuhl konnten ihn in Panik versetzen
Auch ein nicht ganz ausgetrunkenes Glas Wasser, ein Stuhl, der nicht im für ihn korrekten Abstand zum Tisch stand, eine für ihn nicht passend dastehende Playmobilfigur konnten plötzlich diese Panik in ihm auslösen. Doch nie – das ist ihm wichtig, „wirklich nie hatte ich den Gedanken oder eine Stimme in mir, dass ich andere töten soll“. Er sei keine Gefahr für andere, „vor allem bin ich eine Gefahr für mich“. Denn er habe schon öfter versucht, sich das Leben zu nehmen.
„Auch in der psychiatrischen Klinik habe ich erlebt, dass Menschen, die selbst psychisch krank sind, mit mir nicht mehr an einem Tisch sitzen wollten.“
Junger Mann, der an paranoider Schizophrenie erkrankt ist
Seine Geschichte erzählt er hier nur, weil er weiß, mit wie vielen Vorurteilen seine Krankheit verbunden ist und er zur Aufklärung beitragen möchte. Er will aber anonym bleiben. Der heute 25-Jährige leidet an paranoider Schizophrenie. Seine jahrelangen Kämpfe in seinem Kopf sieht man ihm nicht an. Wer ihn trifft, der begegnet einem groß gewachsenen, schlanken, mit T-Shirt und Sakko in lässigem Chic gekleideten jungen Mann mit einem sehr freundlichen, zugewandten und offenen Auftreten. Doch er hat lernen müssen, wem er von seiner Krankheit erzählt und wem nicht. „Denn viele weichen sofort richtig körperlich zurück, wenn sie von meiner Diagnose erfahren. Auch in der psychiatrischen Klinik habe ich erlebt, dass Menschen, die selbst psychisch krank sind, etwa an Depressionen leiden, mit mir nicht mehr an einem Tisch sitzen wollten, nachdem sie erfahren haben, was ich habe.“
Er war ein stilles Kind, das in der Schule gute Noten schrieb
Für ihn sei die Diagnose eine Erleichterung gewesen. Sie wurde erst gestellt, als er schon 20 war. Seinen Eltern macht er keinen Vorwurf: „Ich bin in einer Bilderbuchfamilie aufgewachsen“, erzählt er, „das Problem war nur mein Kopf.“ Natürlich sei seinen Eltern früh aufgefallen, dass mit ihrem Sohn etwas nicht stimmt. „Sie haben sich furchtbar viele Sorgen gemacht. Doch ich konnte als Kind nicht über meine Gedanken sprechen. Mit mir war überhaupt nicht gut zu reden.“ Er sei ein ausgesprochen stilles und zurückgezogenes Kind gewesen. Ein Kind, das immer erst zu spielen begonnen hat, wenn die anderen weg waren. Ein Kind, das in der Schule keine Probleme machte, sondern gute Noten schrieb.
In der Pubertät seien seine Zwänge aber immer quälender geworden. „Mit 14 habe ich begonnen, mich zu ritzen. Denn nur im Schmerz konnte ich das Chaos in meinem Kopf noch ertragen.“ Als auch das nicht mehr reichte, „habe ich zum Kiffen angefangen“. Er musste sich in der Schule immer häufiger krankmelden. Rückblickend sagt er: „Ich habe den Druck vor dem Abi nicht mehr ausgehalten.“ Zumal seine psychischen Schübe nicht nachließen: „Ich dachte oft, ich bin Teil eines Experiments. Alle sind gegen mich, dieser Verfolgungswahn wurde immer abstruser.“ Dann kam er endlich zu einem Kinder- und Jugendpsychiater. Der empfahl einen Klinikaufenthalt. Doch in der psychosomatischen Klinik habe man ihm nicht gut helfen können. Wieder zu Hause hätten seine Eltern im Arztbrief gelesen, dass der Verdacht bestehe, er leide an Schizophrenie. „Das war für meine Eltern ein Schock.“
Er wusste: Entweder sie retten ihn im BKH oder er nimmt sich das Leben
Zumal es ihm immer schlechter ging: „Ich habe noch gehofft, das Abi zu schaffen, aber das hat leider nicht mehr geklappt.“ Die psychotischen Phasen seien krasser geworden. Ständig sei er überzeugt davon gewesen, überwacht, verfolgt, vergiftet zu werden. „Mein Inneres war ein Schlachtfeld.“ Nur Monate nach der psychosomatischen Klinik sei er freiwillig ins BKH nach Augsburg gegangen. „Ich wusste: Entweder ich werde dort gerettet oder ich bring mich um. Ich habe es nicht mehr ausgehalten.“
Die Diagnose paranoide Schizophrenie sei dort bestätigt worden. „Zum ersten Mal habe ich mich dort gesehen gefühlt“, sagt er. „Zum ersten Mal bekam ich Medikamente, die mir geholfen haben. Und mir wurde erklärt, dass ich mit dieser Erkrankung gut leben kann, vorausgesetzt, ich nehme meine Medikamente.“ Auch lernte er auf Frühwarnzeichen zu achten, etwa, wenn er nicht schlafen will, beziehungsweise kann, wenn er großen Stress spürt. Außerdem sei er seitdem in ambulanter Behandlung: Er gehe regelmäßig zu CAP. Die Abkürzung steht für Cannabis und Psycho Augsburg (CaP) und ist ein Kooperationsprojekt zwischen der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (BKH) sowie Condrobs Augsburg für junge Erwachsene.
Selbst sein Chef, der ihn kannte, reagierte auf die Diagnose sichtlich erschrocken
Er absolvierte eine sogenannte geschützte Ausbildung für psychisch kranke Menschen bei einem Bildungsträger. Dort arbeitet er nun als Kaufmann für Büromanagement. Dass selbst sein Chef, der ihn bereits gut kannte, sichtlich erschrocken war, als er ihm seine Diagnose erzählte, erschütterte ihn tief. Dafür habe er bei seiner Freundin erleben dürfen, wonach er sich so sehnt: Er hält kurz inne, bevor er weiterreden kann. Steht auf. Denn er kann die Tränen nicht mehr zurückhalten, so sehr rührt ihn noch heute ihre Reaktion. Sie habe zu ihm gesagt, als er ihr von seiner Erkrankung erzählt hat und unsicher war, ob sie dann überhaupt noch mit ihm zusammen sein will: „Aber ich liebe dich doch als Mensch.“
Hilfe
Haben Sie selbst suizidale Gedanken oder haben Sie diese bei Angehörigen/Bekannten festgestellt? Hier wird Ihnen geholfen: Die Krisendienste Bayern erreichen Sie rund um die Uhr unter der kostenlosen Rufnummer 0800 / 655 3000. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei zu erreichen unter 0800/1110111, 0800/1110222 oder 116123, per E-Mail und Chat online.telefonseelsorge.de
Menschen mit einer psychischen Erkrankung, die vor der Frage stehen, wem sie von ihrer Erkrankung erzählen und wem nicht, bietet das Programm „In Würde zu sich stehen“ Unterstützung an. Mehr Infos unter www.iwsprogramm.org